• Fabian Ruch

Son of Cuba – Teil 2

In seiner Heimat war der Kubaner ein grosses Talent und ein Filmstar, wurde aber am Durchbruch gehindert. Nun ist der 25-Jährige in Europa – auf der Suche nach Glück, Anerkennung und Erfolg. Und um seinen Traum vom Profiboxen zu erfüllen.




Cristhian Martinez ist einen langen Weg gegangen. Von einer Welt in die andere, wobei sich die Welten vermischt haben während den Jahren. Nun sitzt er kurz vor Weihnachten 2020 in einer kleinen Wohnung in Bern und erzählt aus seinem Leben. Gleich wird er ein intensives Training im Box-Gym von Alain Chervet absolvieren und zwei Sparringspartner hart treffen, davon war im ersten Teil der mehrteiligen BOXEN-Serie über Martinez zu lesen. Die Geschichte endete mit seiner Begegnung in der Heimatstadt Havanna mit einer alten Frau, die ihn 2016 an der Bushaltestelle ansprach, als er bitterlich weinte. «Diese Frau hat mir die Augen geöffnet», sagt Cristhian, weil sie von ihren vielen Problemen aus einem entbehrungsreichen Leben erzählt habe. «Ich erkannte: So elend geht es mir gar nicht. Ich war gesund, motiviert, kräftig und besass eine aussergewöhnliche Fähigkeit.»

Genau deshalb, weil er ein ausgezeichneter Boxer ist, sitzt Martinez in der Wohnung seines Promoters in Bern. Er sagt: «Jeden Tag kann etwas passieren. Ich habe so viel investiert, bin so weit gereist, habe so viel auf mich genommen. Irgendwann werde ich belohnt werden und Profi sein.» Vier Jahre vorher gibt ihm das inspirierende Treffen mit der alten Frau an der Bushaltestelle diese Zuversicht zurück, die er wegen mehrerer enttäuschender Erlebnisse verloren hatte. Aber 2016 gibt es in Kuba für ihn als Boxer keine Zukunft mehr. Er überlegt sich ernsthaft eine Flucht in die USA, wägt die Möglichkeiten ab, berechnet die Kosten, rückt aber von diesem Plan ab, weil er sich die rund 50 000 Dollar, die er letztlich insgesamt aufwenden müsste, nicht leisten kann – und weil er seine Mutter und seinen Bruder nicht verlieren will.

Hunger und Kälte und kein Geld

Cristhian Martinez ist mit 20 Jahren an der Bushaltestelle zwar am Boden zerstört. Aber er weiss um sein Talent. Er ist in der Boxhochburg Kuba eine kleine Berühmtheit, zumindest war er das, mit 9 spielte er die Hauptrolle im Film «Sons of Cuba» (Söhne von Kuba) von Andrew Lang. Der britische Filmemacher hat eine faszinierende, berührende Dokumentation gedreht, ein streckenweise aber auch betrübliches Zeugnis der zuweilen brutalen Ausbildungsmethoden für junge Boxer in Kuba.

Martinez ist ein Produkt dieser Schule. Technisch perfekt, schnell und wendig, leichtfüssig und stilsicher, er ist ein ästhetischer Boxer, man schaut ihm gerne zu. 2016 jedoch muss er einen Weg aus der Sackgasse finden, in Kuba wurde er gemobbt. Den Traum USA verwirklicht er nicht, selbst wenn einflussreiche Boxpromoter sich gerne um ihn kümmern würden. Cristhian knüpft viele Kontakte in diesen Wochen im Herbst 2016, er klammert sich an jeden Strohhalm, der ihm eine Zukunft als Boxer in Aussicht stellt. Anfang 2017 ist es soweit, ein Boxagent lotst ihn in die Slowakei, in ein Land, das Martinez vorher nicht gekannt hat. «Die Leute versprachen mir viel», sagt er.

Wort gehalten haben die Leute nicht. Cristhian erhält ein stinkiges Zimmer ohne Heizung und Komfort, er hilft in einem Box-Gym aus, versteht kein Wort, hat kein Geld, nicht einmal eine Jacke, es ist kalt und ungemütlich in der Slowakei. «Ich wurde angelogen», sagt er, «niemand schaute zu mir. Ich durfte zwar jeden Tag trainieren, aber ich war völlig verloren.» Alle drei Wochen erhält er 25 Euro für seine Trainertätigkeit, das reicht hinten und vorne nicht aus für ein halbwegs anständiges Leben, er bettelt bei Kollegen aus dem Gym um Geld. «Lange Zeit ass ich nur Eier und trank Milch, ab und zu gab es Reis.» Cristhian verliert Kraft und Energie, nicht aber den Glauben. «Ich kenne meinen Weg, es ist alles in Gottes Händen. Und Hunger hatte ich auch in Kuba oft gehabt.»

Eine Frau als Rettung

Weil er sein Schicksal in Gottes Hände legt, gerät Cristhian trotz grosser Not auch nicht auf die schiefe Bahn. «Ich war sehr verzweifelt. Doch Gott würde mir nicht helfen, wenn ich Dinge falsch machen und zum Beispiel klauen oder Drogen konsumieren würde.» So viele seiner Kollegen in Kuba seien kriminell geworden, viele würden gar nicht mehr leben, erzählt Martinez, andere seien im Gefängnis. «Ich sagte mir immer, dass es schon gut kommen würde.»

Die versprochene Boxkarriere allerdings wird in der Slowakei nicht lanciert, es gibt administrative Schwierigkeiten, die Promoter verlieren das Interesse an Cristhian. Er trainiert weiter, einfach immer weiter, und nach etwas mehr als einem Jahr in der Slowakei lernt er im Gym eine Boxerin kennen, Timea. Bald wird sie seine Freundin, heute ist sie seine Frau, die beiden wohnen zusammen an der Grenze zu Polen. «Timea war meine Rettung», sagt Cristhian, «weil sie mir geholfen hat, Anschluss zu bekommen in der Slowakei.» Er sucht und findet Arbeit, hilft in einer Apotheke, renoviert Balkone, trägt Essen aus, mäht Rasen, wischt Geschirr (was zu seinem Traum von einer Tellerwäscherkarriere ganz gut passt).

Cristhian Martinez wurde mit dem Versprechen in die Slowakei gelockt, dass er die Staatsbürgerschaft erhält und an den Olympischen Spielen teilnehmen darf. Als Amateur hat er eine Kampfbilanz von 137-8 (sagt er) oder 145-11 (sagen Statistiken im Internet). Auf jeden Fall ist er ein begabter Boxer, bereit für den nächsten Schritt, weil er trotz Hunger, Ungewissheit, Unzufriedenheit seine mentale Stärke nie verliert. «In Kuba haben wir das Boxen im Blut, ich spüre das. Ich bin geduldig, irgendwann erhalte ich die Chance.» Auch in den schwierigsten Momenten in der Slowakei ist er überzeugt davon, einen fähigen Dealmaker kennenzulernen, der ihm Kämpfe ermöglicht, damit er durchstarten kann wie Rocky. «So sah ich das. Jemand musste mir eine Türe öffnen. Durch die Türe treten würde ich schon selber.»

Seine grosse Vision

Manchmal helfen Zufälle im Leben. Auf Facebook sieht er bei einem gemeinsamen Freund das Profil des Berner Boxpromoters Leander Strupler. Cristhian schreibt ihm und fragt, ob er ihm helfen könne. Strupler lädt Martinez in die Schweiz zu einem Sparring ein, sieht die Qualitäten des Kubaners, investiert Zeit und Geld in ihn. Ende 2020 ist Martinez zum dritten Mal in Bern, trotz der Coronapandemie und hoher Hürden nimmt sein Traum von einer Profikarriere Konturen an. «Ab und zu habe ich Angst, dass ich alles verlieren könnte», sagt er in der kleinen Wohnung in Bern. «Aber ich weiss: Meine Welt ist das Boxen. Ich muss das schaffen, ich will Weltmeister werden, ich kann das.»

175 Zentimeter ist Cristhian Martinez gross, 64 Kilogramm ist er schwer, er ist ein Topathlet, kein Gramm Fett zu viel, er ordnet fast alles seiner Leidenschaft Boxen unter. Nur eines nicht: die Familie. Mit Mutter und Bruder in Kuba hält er täglich Kontakt, das miserable Verhältnis zum in den USA lebenden Vater, einst ein sehr erfolgreicher Boxer, will er unbedingt verbessern. «Ich denke jeden Tag an ihn. Es schmerzt, hat er mich fallengelassen. Aber wenn der Berg nicht zu einem kommt, muss man zu ihm gehen», sagt er. «Irgendwann werde ich das tun. Ich hoffe, ich bekomme die Gelegenheit dazu. Und dass es nicht zu spät sein wird.» Als er gefragt wird, wie sein Leben in zehn Jahren aussieht, meint er mit strahlenden Augen: «Dann bin ich Weltmeister, habe eine Sons-of-Cuba-Academy gegründet mit dem Hauptsitz in Bern. Ich will den kubanischen Stil lehren und mit der europäischen Art verbinden. Und wir werden vier Kinder haben.»

Ein kleines Stück seines grossen Traumes hat Cristhian Martinez schon umgesetzt. Im Frühling 2021 bestreitet er trotz der Pandemiesituation seine ersten Profikämpfe in Deutschland und in der Schweiz. Und im Sommer wird er erstmals Vater.

Lesen Sie im dritten Teil in der Ausgabe 7 von BOXEN