• Walter Rüegsegger

Mit dem Hidschab die Boxwelt erobern

Die 22 Jahre alte Zeina Nassar hat durchgesetzt, dass sie mit dem Kopftuch boxen darf. Die Berlinerin libanesischer Herkunft ist ehemalige deutsche Meisterin im Federgewicht und fünffache Berliner Meisterin. Sie hat bisher 18 ihrer 24 Kämpfe gewonnen. Der Traum von einer Goldmedaille an den Olympischen Spielen kann sie sich allerdings erst in vier Jahren erfüllen, denn sie hat die Olympia-Qualifikation nicht geschafft. Nassar ist die Stimme für junge muslimische Frauen geworden. In dieser Eigenschaft ist sie eine viel gefragte Person, die aus der ganzen Welt Einladungen für Pressetermine und Vorträge erhält. Sie trifft berühmte Sportler wie den Fussballer Kylian Mbappé, die Fussballerin Lieke Martens oder den Basketballer LeBron James. Im Interview mit BOXEN spricht sie darüber, wie sie ihren Traum vom Boxen gegen Widerstände durchgesetzt hat.



Zeina Nassar, mit 13 Jahren beschlossen Sie, Boxerin zu werden. Das war, wie Sie selber sagen, ein Schock für die Eltern. Wie kam es, dass sie schliesslich doch Ja sagten zu Ihrem Wunsch?


Ich war als Kind schon immer zielstrebig und wollte meine und auch die von meinen Eltern gesetzten Ziele erreichen. Für meine Eltern steht Bildung an erster Stelle. Darüber hinaus hatte ich alle Freiheiten, mich sportlich zu betätigen. Beim Thema Boxen aber schauten sie erschrocken. Natürlich haben sie sich Sorgen gemacht, dass ich mich verletzen könnte. Ich habe dann immer wieder versucht, die Werte des Boxsports wie Disziplin, Respekt, Konzentration und Belastbarkeit zu vermitteln. Und sie letztendlich überzeugt.


Sie boxten von Beginn an mit dem Hidschab, dem Kopftuch, und langen Sportkleidern, was die Verbände zunächst nicht akzeptieren wollten. Ihre Trainerin setzte dann ein Teilnahmerecht durch. Für Sie ein wichtiger Sieg?


Ja, ein grosser Sieg. Ich wollte mich nicht entscheiden müssen und habe darin auch keinen Sinn gesehen, warum ich nicht auch mit dem Hidschab boxen sollte.


Sie entschieden sich schon mit acht Jahren, den Hidschab zu tragen. War das der Wunsch Ihrer Eltern?


Meine Schwester trug den Hidschab bereits, und sie sah so elegant, würdevoll und erwachsen aus. Das wollte ich auch. Meine Eltern haben mir allerdings nicht sofort erlaubt, ein Kopftuch aufzusetzen.


Warum tragen Sie den Hidschab auch im Ring?


Weil ich es seit 2013 in Deutschland und seit 2019 international darf. Aber darum geht es primär gar nicht. Andere Frauen mit langen Haaren müssen die Haare zusammenbinden und/oder tragen unter dem Kopfschutz auch ein Kopftuch. Vielmehr geht es auch um die lange Kleidung. Ich trage zudem ein Longsleeve und eine Leggins unter der Wettkampfkleidung. Diese Bestimmungen waren in den AIBA-Statuten nicht beschrieben.


Wie reagieren heute die Zuschauer auf Ihr Kopftuch und auf die Ganzkörperbekleidung?


Verschieden, viele warten einfach mal ab, wie ich boxe. Denn darauf kommt es schliesslich an. Ich möchte sportlich beurteilt werden und nicht aufgrund meines Erscheinungsbildes verurteilt werden.


Das Kopftuch wird von gewissen Kreisen auch als Unterdrückung der Frau gesehen.


Ich setze mich für Gleichberechtigung ein. Frauen sollten tun und lassen, was sie wollen. Ich habe mich dafür entschieden, ein Kopftuch zu tragen, am Theater zu spielen, zu studieren und zu boxen. Ich finde Unterdrückung schrecklich. Und ich weiss, dass Frauen auf der Welt unterdrückt werden: Wegen ihrer Religion, Herkunft, Hautfarbe und ihrer Rolle als Hausfrau. Ich möchte das nicht. Ich will in meinem Leben selber entscheiden. Mit der Erziehung und der Erfahrung, die ich bekommen habe. Und ich will verdienen wie ein Mann. Vielleicht auch mehr...


Feministinnen weisen in diesem Zusammenhang auf die Olympia-Charta hin, die jede politische oder religiöse Demonstration verbietet. Ein Widerspruch?


Ich demonstriere nicht. Ich versuche, die Beste in meiner Disziplin zu sein.


Wegen der Einführung der langen Sportkleidung wird auch kritisiert, dass damit ein

Milliardenmarkt verbunden ist. Sie selber tragen auf dem Kopftuch das Logo eines grossen Sportartikelherstellers. Ein religiöses Zeichen als Werbeträger, und erst noch von einer amerikanischen Firma. Geht das?


Erklären Sie mir, warum das nicht geht! Ich habe auch einen Hidschab der Marke Adidas getragen, ein deutsches Unternehmen. Jetzt ist er von Nike. Sehen Sie es doch mal so: Die Sportartikelhersteller fördern auch den Frauensport und ermöglichen mein Training unter Profibedingungen.


Sie gelten als Vorbild für viele junge muslimische Frauen. Haben Sie eine Mission?


Als ich mit dem Boxen angefangen habe, war ich 13, da ging es mir nur um den Sport. Heute bekomme ich viele Nachrichten von Mädchen und Frauen, die durch mich mit dem Sport angefangen haben. Das motiviert mich. Und da setze ich auch an. Ich möchte mehr Kinder und Jugendliche erreichen und ihnen vermitteln, wie wichtig Bildung und Sport sind. Und welchen positiven Zusammenhang es gibt.


In der Öffentlichkeit werden Sie bis jetzt ausschliesslich als „Kopftuch-Boxerin“ wahrgenommen, weniger durch ihre sportlichen Leistungen. Stört es Sie, dass man Sie oft nur auf das Kopftuch reduziert?


Das liegt wohl daran, dass die Nike-Kampagnen um die Welt gingen und der Frauenboxsport nicht so sehr im Fokus steht. Wenn ich dadurch Aufmerksamkeit für das Frauenboxen generieren kann, dann komme ich auch damit klar.


Viele feiern Sie jetzt als Kämpferin für die Religionsfreiheit. Sehen Sie sich auch so?


Ich habe für das Tragen des Hidschab im Ring gekämpft, weil ich einfach nur boxen wollte. Dass ich nun eine gesellschaftspolitische Rolle zugewiesen bekomme, liegt daran, wie mich andere Menschen wahrnehmen. Sicherlich hat sich das durch die Werbekampagne der Deutschlandstiftung Integration, an der ich teilgenommen habe, verstärkt.


In den sozialen Medien werden Sie aber auch beschimpft, es gibt Hasskommentare, man droht Ihnen indirekt auch mit dem Tod. Machen Ihnen solche Drohungen Angst?


Ja, das stimmt. 99,9 % der Beiträge sind aber positiv. Ich habe es mir abgewöhnt, die negativen Kommentare persönlich zu nehmen.


Was fasziniert Sie am Boxen?


Mich hat anfangs das Training begeistert. Ich habe vorher immer Teamsport gemacht. Im Boxen bin ich für meine Vorbereitung, den Sieg und auch die Niederlage aber alleine verantwortlich.


Sie sind eine echte Berlinerin, in der Stadt geboren und aufgewachsen. Sie haben den deutschen Pass. Fühlen Sie sich als Deutsche?


Ja, ich bin hier geboren und hier ist mein Zuhause.


In Ihrem Buch "Dream Big" kommt deutlich zum Ausdruck, dass Sie das machen, was Sie wollen und sich von niemandem unterkriegen lassen wollen. Woher haben Sie diese Haltung?


Meine Eltern legen viel Wert auf Bildung, die uns, wenn wir gross sind, helfen soll, ein besseres Leben zu haben. Ich möchte später auch eine Familie haben und träume von meinen eigenen vier Wänden. Dafür bin ich verantwortlich. Deshalb treffe ich meine Entscheidungen selber.


Sie trainieren zwei Mal täglich, studieren Erziehungswissenschaften und Soziologie. Daneben haben Sie noch Auftritte am Maxim Gorki Theater, wo soziale und politische Themen behandelt werden. Was ist Ihr Anliegen auf der Bühne?


Ich liebe es zu schauspielern, schon in der Schule stand ich auf der Bühne. Das Stück im Maxim Gorki Theater behandelt das Thema, wie Frauen in der Gesellschaft wahrgenommen werden. So wie Sie mich zum Beispiel auch wahrnehmen und mich klischeehaft auf mein Kopftuch reduzieren.


Sie bedauern, dass die Leute vor allem über Ihr Kopftuch sprechen. Sie möchten lieber, dass Ihre sportlichen Leistungen im Vordergrund stehen. Die sind aber, zumindest international gesehen, bisher ziemlich überschaubar. Wo sehen Sie Ihre Stärken, wo Ihre Möglichkeiten?


Gut, Sie müssten wissen, dass ich bis Mitte 2019 nicht an internationalen Wettkämpfen teilnehmen durfte. Das werde ich jetzt nachholen. Meine Grenzen international werde ich herausfinden müssen.


Mit der Olympia-Qualifikation hat es diesmal nicht geklappt. Sind Sie enttäuscht?


Natürlich war ich enttäuscht, aber nur für einen kurzen Moment. Mein Ziel ist es, ständig zu wachsen und Neues dazu zu lernen. Dafür muss ich nach vorne schauen und mir wieder neue Ziele setzen.


Wie geht es nach der verpassten Olympia-Qualifikation weiter? Was sind Ihre nächsten sportlichen Ziele?


Meine nächsten Ziele sind es, auf internationaler Ebene Erfahrungen zu sammeln.


Ist später ein Wechsel ins Profilager denkbar?


Erst einmal nicht. Ich möchte mich im Amateurboxen weiterentwickeln.


Wo und wie sehen Sie sich in zwanzig Jahren?


Ich werde wahrscheinlich nicht mehr aktiv boxen. Aber ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht.