• Michele Coviello

An den Hebeln der Box-Welt

Richard Schäfer hat es im Box-Business so weit wie kein anderer Schweizer gebracht. Als Promoter stellte der Berner mit Wohnsitz in Los Angeles selbst Legenden wie Don King und Bob Arum in den Schatten.



Für viele ist er ein Lebensinhalt, ein fernes Ziel, das sie anstreben, aber vielleicht nie erreichen werden, der American Dream. Und eigentlich hat er viel mit der Karriere eines Sportlers zu tun, besonders mit der von Boxern. Sie leben vom Verzicht, sie müssen sich alleine hochkämpfen, müssen für den Erfolg alles auf eine Karte setzen. Und vielleicht funktioniert es.


Richard Schäfer hat die gleiche Einstellung. Er legte wenig Wert auf Sicherheiten. Und hat sich gleich zwei American Dreams verwirklicht. Mit 59 Jahren schaut er bereits auf zwei Glanzkarrieren zurück: Als Banker und Box-Promoter. Es war das Jahr 1986, als sich ein Mittzwanziger aus dem beschaulichen Bern in Richtung Los Angeles aufmachte. «Mit 100 Dollar im Sack und einem Koffer voller Träume», erinnert sich Schäfer. «Ich wusste nicht, ob es klappt, es war riskant.»


Es klappte. Für den Bankverein baute Schäfer das Private Banking an der US-Westküste auf. Der freundliche und gesprächige Swiss Man enterte als 25-jähriger Einwanderer Hollywoods High Society und muss mit seiner jovialen Art an den Partys der Reichen und Schönen Eindruck gemacht haben: Der erste Kunde brachte ein Konto von über 10 Millionen Dollar mit. Das Netzwerk wuchs. «Bald kümmerte ich mich nicht mehr um die Millionäre, sondern um die Milliardäre», sagt Schäfer. Er kletterte hoch bis zum stellvertretenden Chef des gesamten Private Bankings in den USA – und blieb es nach der Fusion mit der UBS.


Und dann diese Kehrtwende noch vor dem 40. Geburtstag: Seine Eltern in der Schweiz fragten ihn, ob er in Kalifornien zu lange an der Sonne gestanden habe. Aber er hatte sich entschieden. Schäfer verliess die Bank und wechselte ins Boxgeschäft, als Manager des Weltmeisters Oscar de la Hoya. «Ich hatte eine super Stelle bei der UBS, eine Riesenkarriere vor mir und ein gutes Einkommen bis zur Rente auf sicher», sagt er heute, «aber manchmal muss man einfach etwas Neues anpacken, darf es sich von anderen nicht schlechtreden lassen.» Man soll sich dahinter klemmen und versuchen, die Träume Wirklichkeit werden zu lassen.


Zusammen mit Oscar De la Hoya baute Schäfer die Golden Boy Promotions auf. Sie revolutionierten das Boxgeschäft mit transparenten Gagen für die Kämpfer, was gestandene Profis wie Bernard Hopkins, Marco Antonio Barrera oder Shane Mosley anzog. Sie zogen Talente wie Deontay Wilder heran, ganze 18 Weltmeister an der Zahl. Und sie knackten Mike Tysons Rekord von rund 2 Millionen Pay-per-View Zugriffen. Mit bisher ungesehenem Aufwand und neuen Marketing-Methoden brachte 2007 der Fight zwischen De la Hoya und Floyd Mayweather Jr. rund 2,5 Millionen Pay-per-Views und spielte eine Rekordbörse für De la Hoya von 57 Millionen Dollar ein. Schäfer, De la Hoya und Golden Boy hielten die Hebel der Box-Welt in den Händen, stellten selbst die Legenden Bob Arum und Don King in den Schatten. «Wenn man Grosses erreichen will, muss man gross denken», sagt Schäfer in amerikanisch gefärbtem Berndeutsch.


Es sind solche Würfe, die den kernigen Mann antreiben. Und es ist ihm wichtig, andere zu inspirieren. Schäfer erzählt am Telefon aus Los Angeles mit Leidenschaft und ausdauernd, fast drei Stunden lang über ein Leben, das sich Hollywood nicht anders hätte ausdenken können. Er macht es breitwillig, fast aus Überzeugung. Seine Vita soll Mut machen, all denjenigen, die vor Entscheidungen stehen. Soll man den sicheren Weg nehmen oder den anderen, derjenige mit Potenzial, aber auch der gefährlichere? «Wenn jemand den unsicheren Weg versucht, weil meine Geschichte ein Anstoss dazu war, dann waren die Stunden dieses Interviews gut investierte Zeit.»


Sicherheiten, die schätzt Schäfer dennoch, gerade jetzt, da er auf die Sechzig zugeht und seine Wahlheimat in der Corona-Krise besonders schwierige Zeiten durchlebt. Fast jeder fünfte Erwerbstätige meldete sich in den USA im Frühjahr beim Arbeitsamt. Schäfer hört in den Nachrichten, dass Menschen beim Austritt aus dem Supermarkt überfallen werden, er sieht in Downtown Los Angeles Landschaften voller Obdachlosen-Zelten. «Die Schweiz ist ein einmaliges Land, was die Sicherheit angeht», sagt Schäfer. «Als ich vor über 30 Jahren auswanderte, dachte ich, das Gras sei auf der anderen Seite grüner.» Gelegentlich überlege er sich eine Rückkehr. «Ich schätze die Stabilität der Schweiz sehr.»


Vielleicht ist sie auch mit ein Grund, wieso nur wenige den Weg in den professionellen Boxsport wagen, weil sie hier mehr Möglichkeiten haben, sich zu verwirklichen, in sichereren Branchen? Schäfer ist nicht dieser Meinung. Er sieht neues Potenzial in der multikulturellen Schweiz und sagt deshalb: «Es ist nicht die Frage, ob die Schweiz einen Weltmeister haben wird, sondern wann.»


Dazu brauche es aber Investitionen. «Man muss den Jungen im Gym aufzeigen, dass sie Karriere machen können», findet Schäfer. «Wenn ein Talent entscheiden muss, ob er in einem guten Nachwuchsteam des FC Basel mitspielen oder sich im Boxen versuchen soll, dann wird er eher im Fussball die grösseren Chancen sehen.» Eine zentrale Rolle erkennt Schäfer im Fernsehen. Solange Schweizer Stationen nicht regelmässig Kämpfe heimischer Athleten übertragen und damit Sponsoren anziehen, werde das Boxen eine Randsportart bleiben.


Inzwischen steht Schäfer selbst vor so etwas wie einer dritten Karriere. Er sagt: «Ich habe noch nicht das letzte Kapitel gesehen.» 2014 trennte er sich von der Golden Boy Promotions und von De la Hoya. Der inzwischen zurückgetretene Boxer hatte Drogen- und Sex-Probleme, Investoren und auch Schäfer stiegen aus. Er gründete den kleineren Stall Ringstar, expandierte nach Frankreich und England, zog sich neulich aber aus dem Europa-Geschäft zurück. Denn seit zwei Jahren flutet die Streaming-Plattform Dazn das Boxen mit Unmengen an Geld und verändert den Markt. Schon nur für die Verträge der Kämpfer Saul Alvarez und Gennadi Golowkin gibt Dazn rund eine halbe Milliarde Dollar aus. «Ein unhaltbares Geschäftsmodell», findet Schäfer. In der Tat waren die Zugriffe bei Dazn schon vor der Pandemie nicht kostendeckend. «Ich habe das Gefühl, dass die Corona-Krise die Lage beruhigt», sagt Schäfer und denkt schon an seinen nächsten American Dream. Schäfer wagt eine Prognose: «In den nächsten 12 bis 18 Monaten wird sich der Markt verändern.» Die Krise? Eine Chance.


Seine Kämpfe sind zwar weniger aufsehenerregend, doch im Hintergrund wirkt er weiter an Big Deals mit. Er ist eng mit Al Haymon befreundet, dem inzwischen mächtigsten Promoter. Als Haymons Boxer Deontay Wilder neulich gegen Tyson Fury auftrat, stand Schäfer beratend zur Seite. «Im Gegenzug platziert Haymon meine Boxer auf den Plattformen, mit denen er verbunden ist», bei den grossen Sendern Fox und Showtime. Die eine Hand wasche die andere, sagt Schäfer.


Es sind solche Beziehungen, die ihn zuversichtlich stimmen, aber auch die Tatsache, dass die anderen zwei grossen Player neben Haymon vor einer Zäsur stehen. Arum ist 85-jährig, Eddie Hearn kämpft bei Dazn um ausreichend Einnahmen. Zudem wollen die TV-Stationen mehr grosse Kämpfe. Diese finden zu selten statt, weil die Promoter ihre Aushängeschilder vor Niederlagen schützen wollen. Deshalb täte dem Boxen eine Konsolidierung der Promoterszene gut, findet Schäfer. Je weniger grosse Promoter involviert sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Besten gegen die Besten kämpfen. Schäfer spricht es nicht aus, aber man kann seine Gedanken interpretieren – dass sich Haymon bald einen noch grösseren Teil des Kuchens abschneiden wird. Schäfer sagt nur: «Ich bin ein Enthusiast des Boxens. Wenn sich jemand engagiert, denke ich schon, dass ich einen Anruf bekommen werde.»


Seinen Koffer von anno 1986 hat Schäfer zu Hause aufbewahrt. Wenn seine drei Söhne manchmal Besuch von Freunden haben, dann fordern sie ihren «Dad» auf: «Zeig ihnen den Koffer!» Bestimmt erzählt er dann von seiner Reise. Und von den Träumen, die noch immer in ihm drin sind.