• Fabian Ruch

Son of Cuba – Teil 1

Cristhian Martinez ist einen weiten, beschwerlichen Weg gegangen, um seinen Traum vom Profiboxen zu erfüllen. Der Kubaner war in seiner Heimat ein grosses Talent und ein Filmstar, wurde aber am Durchbruch gehindert. Nun ist der 25-Jährige in Europa – auf der Suche nach Glück, Anerkennung und Erfolg.




Das ist die Geschichte von Cristhian Martinez, 25, aus Kuba. Er ist nicht Weltmeister, er hat noch nicht einmal einen Boxkampf als Profi bestritten. Er arbeitet in der Slowakei als Essensauslieferer. Oder passenderweise als Tellerwäscher. Als Handlanger in einem Box-Gym oder als Hilfskoch, er mäht Rasen und renoviert Balkone, stapelt in einer Apotheke Flaschen – und träumt weiter von einer erfolgreichen Karriere als Boxer.


Mit fünf ins Gym

Ende Oktober sitzt Cristhian an einem ungemütlichen, garstigen Sonntagmorgen in der kleinen Wohnung eines Kollegen seines Promoters Leander Strupler in Bern. Er ist bereits zum zweiten Mal für rund zwei Wochen in der Schweiz, um bei Coach Alain Chervet intensiv zu trainieren. Und er erzählt seine abenteuerliche Story. „Ich war oft am Boden“, sagt er. „Aber ich habe die Hoffnung nie aufgegeben.“ Seine Geschichte beginnt vor 20 Jahren in Havanna. Cristhian ist fünf, als ihn seine Mutter erstmals ins Box-Gym schickt, damit er sich wie sein Bruder austoben kann. Sie ist alleinerziehend mit zwei Buben, längst vom Vater getrennt, einem der erfolgreichsten Boxer der Geschichte Kubas mit einer Bronzemedaille an den Olympischen Spielen 1976 sowie einem zweiten Platz an der WM 1978. Und sie arbeitet als Babysitterin, schier Tag und Nacht, um Cristhian und seinem fünf Jahre älteren Bruder ein halbwegs anständiges Leben zu ermöglichen. „Wir hatten immer wirtschaftliche Sorgen“, erzählt Cristhian, „und wir hatten oft Hunger.“ Jahrelang gibt es zum Frühstück nur ein Stück Brot und Olivenöl. „Es war schwierig, sehr schwierig. Aber meine Mutter vermittelte uns immer den Eindruck, dass wir eine richtige Familie seien. Ich habe ihr alles zu verdanken.“


Boxen in der DNA

Auch die Liebe zum Boxen. Denn der fünfjährige Cristhian, erst knapp 20 Kilogramm schwer, lernt schnell. Täglich ist er im Gym, oft muss er alleine nach Hause, fremde Menschen helfen dem kleinen, schmächtigen Buben über die Strasse. Stundenlang trainiert er, guckt zu, schlägt zu, verfeinert die Technik, ist fasziniert vom Faustkampf. Bei seinem ersten Fight mit sieben Jahren legen ihm die Trainer Gewichte in die Hosen, damit er schwerer ist und die Regeln erfüllt. „Ich machte rasch Fortschritte“, sagt er. „Und ich war fleissig, wollte jeden Tag besser werden.“ Nicht wie sein Bruder, der zwar auch talentiert ist, irgendwann aber andere Dinge im Leben entdeckt, Frauen zum Beispiel und Partys. „Für mich gab es immer nur Boxen“, sagt Cristhian. Er eifert seinem Vorbild Eligio Sardiñas Montalvo nach, besser bekannt als Kid Chocolate, ist aber in seiner Heimat nicht der Einzige, der den Aufstieg aus der Armut als Boxer realisieren will. „Boxen gibt es bei uns in Kuba an jeder Ecke, in jeder Strasse, einfach überall. In jeder Familie wird geboxt, das ist in unserer DNA.“


Revolutionsführer Fidel Castro ist der verordnete Held in Cristhians Jugend, die USA sind offiziell der grosse Feind, und doch sind sie auch das Sehnsuchtsland. Gerade als Boxer. „Mit acht, neun Jahren merkte ich, dass ich richtig stark bin. Selbst wenn ich immer der Kleinste war, oft von älteren, schwereren Jungs heftig angepackt wurde im Ring und immer wieder weinte, weil ich noch nicht so hart schlagen konnte und mich in erster Linie schützen musste.“ Der Traum von der Boxkarriere lebt. Und wie! In seiner Freizeit sammelt der kleine Cristhian Aluminiumflaschen und -dosen, um mit ein wenig Kleingeld die karge Haushaltskasse seiner Mutter aufzubessern. Er sagt: „Das Wichtigste, um den Durchbruch zu schaffen, ist Disziplin. Kraft kann man trainieren, Technik und Kondition auch, aber wenn du nicht total diszipliniert bleibst, verlierst du den Fokus.“


Die Boxschule

Mit 10 darf der begabte Cristhian an die renommierteste Boxschule Kubas, das Rafael Trejo Gym in Old Havana. Er lebt und lernt, trainiert und schläft dort, am Sonntagabend rückt er ein, am Samstagmittag geht er für eineinhalb Tage zurück zur Mutter. „Ich hatte schrecklich Heimweh“, sagt er, „aber ich wusste, dass das meine Chance ist.“ Er habe gar keine Zeit gehabt, an Mädchen zu denken oder an Freizeitaktivitäten. Der Boxsack ist sein bester Freund. Der Tagesablauf im Rafael Trejo Gym: Aufstehen um 5 Uhr, Frühstück, Training, Duschen, Schule, Mittagessen, Schule, Training, Duschen, Nachtessen, Schlafen. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Und weil immerhin die Schulen in Kuba funktionieren, ist auch seine Ernährung endlich angemessen, er wächst und wird kräftiger, jedes Jahr ist er der beste Boxer seines Jahrgangs. Viele Kollegen bleiben auf der Strecke. Keine Disziplin, zu viel Ablenkung, Gangs und Kriminalität. „Die Hälfte von denen, die damals mit mir trainierten, lebt heute nicht mehr“, sagt Cristhian, „nur drei von etwa 100 Schülern aus jener Zeit boxen noch.“ Er nennt die strengen Jahre in der Boxschule „die beste Zeit meines Lebens“, weil er in allen Bereichen umfassend geschult worden sei.

Aber es gibt Rückschläge. Einer der schlimmsten führt dazu, dass Cristhian zumindest eine kleine Berühmtheit geworden ist. Andrew Lang, ein britischer Filmemacher, besucht 2006 Kuba, weil er einen Film über die legendäre kubanische Boxkultur drehen will. Eines Tages ist Lang im Rafael Trejo Gym in Old Havana, als der elfjährige Cristhian gerade einen Kampf nach Punkten verloren hat. „Ich war besser und verstand die Entscheidung nicht“, sagt Cristhian, „also sass ich auf einer Bank, schrie und weinte und war untröstlich.“ Lang sieht den traurigen Buben – und findet den Protagonisten seines Films. „Sons of Cuba“ (Söhne von Kuba) erscheint 2009, es ist eine faszinierende, berührende Dokumentation, aber auch ein streckenweise betrübliches Zeugnis der zuweilen brutalen Ausbildungsmethoden.


Gemobbt

Nur die stärksten Charaktere überstehen den Drill. Und Cristhian ist stark. Fünfmal wird er nationaler Champion seiner Alterskategorie, er gilt als kommender Olympiasieger, was nicht allen im Umfeld der Boxschule gefällt. „Die Eltern anderer Jungs waren auch wegen des Films eifersüchtig auf mich“, sagt Cristhian. „Sie waren reicher, mächtiger, wichtiger und taten alles, um mir zu schaden. Ich war ein Niemand, mein Vater lebte in den USA und interessierte sich nicht für mich.“ Er sei gemobbt worden, die Trainer hätten ihn nicht mehr unterstützt, es sei auch mental eine sehr unangenehme Phase gewesen. Und dann sei seine hoffnungsvolle Laufbahn im Prinzip beendet worden, bevor sie überhaupt richtig hätte starten können. Je nach Ausbildungsweg muss jeder junge Mann in Kuba ein bis zwei Jahre ins Militär. Cristhian ist 18, als er aus unverständlichen Gründen nicht einer Einheit zugeteilt wird, in der sportliche Aktivitäten und Boxtrainings möglich sind. „Ich wurde für meinen Erfolg bestraft“, sagt er. Über ein Jahr lang darf er keine Boxhandschuhe anziehen, er exerziert die militärischen Grundkenntnisse und denkt doch jeden Tag daran, dass auch diese schlimme Zeit irgendwann vorbeigehen wird. Der Mutter geht es schlecht, weil sie ihren Sohn so leiden sieht, der Bruder erleidet bei einem Unfall schwere Verbrennungen, das Leben Cristhians gerät aus den Fugen, er ist verzweifelt. Immer wieder wird ihm nach seiner Militärzeit angeboten, in die USA zu gehen, die Flucht würde mehr als 30 000 Dollar kosten, er müsste sich stark verschulden. „Ich zögerte zudem, weil ich dann meine Mutter und meinen Bruder verloren hätte.“



Die alte Frau

Was aber soll er in Havanna nun tun, mit bald 20 und ohne Aussichten, sein gewaltiges Talent als Boxer unter Beweis stellen zu dürfen? Eines Tages habe er an einer Bushaltestelle bitterlich geweint, als ihn eine alte Frau angesprochen habe. „Wir sind in Kuba sehr offen miteinander“, sagt Cristhian. „Und diese Frau hat mir die Augen geöffnet.“ Sie habe ihm gesagt, er müsse stark bleiben – und von ihren vielen Problemen im langen, entbehrungsreichen Leben erzählt. „Ich erkannte: So elend geht es mir gar nicht. Ich war gesund, motiviert, kräftig und besass eine aussergewöhnliche Fähigkeit.“

Cristhian redet und redet und redet am trüben Sonntagmorgen Ende Oktober in Bern. Er vergisst sogar das Frühstück, dabei muss er gleich zum Sparring in Alain Chervets Boxing Kings Club antreten. Er isst stehend in der Küche hastig ein Müsli, die Vorbereitung ist alles andere als ideal. Aber den Hunger zu unterdrücken, das hat er in seinem Leben gelernt. Dann zeigt er gegen einen spanischen Boxer sein beachtliches Potenzial, in der dritten Runde schon verpasst er seinem Gegner einen tiefen Cut an der linken Augenbraue. Der Spanier gibt auf, Alain Chervet übernimmt das Sparring – und schreit nach drei intensiven Runden wegen eines unglücklichen Treffers am Tiefschutz schmerzhaft auf.

Innerhalb weniger Minuten haben gleich zwei Boxer unliebsame Erfahrungen mit Cristhian Martinez gemacht. Im Ring kennt der Kubaner keine Verwandten. Dabei ist er eigentlich ein sanfter, freundlicher Mensch. Doch der 25-Jährige ist einen weiten, beschwerlichen Weg gegangen, und hier im Berner Vorort Liebefeld ist er seinem Ziel Profiboxer so nahe wie noch nie. „Jeden Tag kann etwas passieren“, sagt er. „Ich habe so viel investiert, bin so weit gereist, habe so viel auf mich genommen. Irgendwann werde ich belohnt werden und Profi sein.“ Vier Jahre vorher gibt ihm die inspirierende Begegnung mit der alten Frau an der Bushaltestelle diese Zuversicht zurück. In Kuba aber gibt es für ihn 2016 keine Zukunft als Boxer. Muss er doch in die USA flüchten?


Lesen Sie im zweiten Teil in der Ausgabe 6 von BOXEN: Wie Cristhian Martinez ins Ausland geht, dort wieder schlecht behandelt wird und erneut Hunger leidet. Wie er weiterkämpft, seine Frau in der Slowakei kennenlernt und Kontakte in die Schweiz knüpft. Und wie er das schwer zerrüttete Verhältnis zu seinem Vater reparieren will.